DAS MECHANISCHE KLAVIER

Format: CD
Released: June 2004
Label: Panoptikon
Catalogue: OPTIK 03

Artist: Martin Hall, Andrea Pellegrini, Herbert Zeichner
Written and produced by Martin Hall
German translation: Herbert Zeichner
Design: Kenneth Schultz
Photo: Casper Sejersen

INDEX

1. Kopfkino (1) 1:21
2. Das Mechanische Klavier 4:23
3. Kopfkino (2) 4:14
4. Blindness and Light 2:28
5. Kopfkino (3) 0:57
6. Verschwendung 3:11
7. Kopfkino (4) 2:11
8. The Stranger in Your Voice 1:08
9. Lining Up for the Fall 2:34
10. Kopfkino (5) 0:49
11. A Heap of Broken Images 2:28
12. High on the Waves of Love 4:48
13. Somewhere Nearer the End 2:34
14. Kopfkino (6) 1:48

LYRICS

Kopfkino 1

Es fällt mir schwer, meine Entrüstung zu erklären. Meine Entrüstung zu rechtfertigen. Wie sollte ich mich in einer Zeit wie dieser überhaupt irgendwie verständlich machen können? Einer Zeit, in der der Name des Spiels Verschwendung heißt – eine Tugend, eine Ehrensache. Wie Tropfen eines Puzzlespiels aus Wasser fallen die Wörter, verschwinden in Hotels, die von unerfüllten Träumen bewohnt werden.

Wiederum steht sie mit ihrer von Niederlagen gequälten Seele vor mir, verhüllt in einer Zartheit, die sich wie Tau langsam um uns legt. Wir sind direkte Zeugen der ungeschickten Vorkehrungen der Liebe, einer Reihe lebendiger Erinnerungen, die sich hart wie Knochen anfühlen. Wir kennen keine Versöhnung. Nur die Routine verleiht Sicherheit; draußen lauert der Dschungel.

Das Mechanische Klavier

Bier
Das mechanische Klavier
Alle trinken dunkles Bier
Alle trinken Bier und reden laut
Schreien auf und lachen
Schreien auf und lachen
Aber über was reden sie?
Und über was lachen sie, wenn sie nichts hören können?

Sie reden vom trinken
Sie leben um zu trinken
Und sie sterben, weil sie trinken
Das dunkle Bier
Das dunkelste Bier
Bei dem mechanischen Klavier

Kopfkino 2

Eine Langeweile, die wie Krebs in der Brust nagt. Ein Gewohnheitsdenken, bei dem jeder einzelne Gedanke seine eigene Seriennummer besitzt. Was soll man mit sich selbst anfangen, wenn sich das Dasein auf einen Satz sich wiederholender Muster begrenzt? Das Leben stellt einen Prozess dar, bei dem mit der Zeit alles immer gleichartiger und trotzdem immer schwieriger wird … wie ein Stück unverständlicher Poesie, dem der Leser tagtäglich den Rücken kehrt.

Ich suche immer noch nach ihr. Sie ist die ganze Zeit bei mir, und trotzdem suche ich immer noch nach ihr. Jeden Tag kontrolliert sie ganz genau im Spiegel, ob sie neue Falten bekommen habe … genau so, wie sie es damals tat. Meistens tut sie es mit einer beinahe selbst verleugnenden Attitüde, als wollte sie im Grunde nur als ein ironischer Kommentar ihrer selbst erscheinen. Ich kann mir unmöglich vorstellen, was sie sieht. Die Tatsache des Lebens? Des Lebens Betrug? Ein sexuelles Ornament? Gottes Antlitz, das sich in seiner eigenen Fiktion spiegelt?

Blindness and Light

Strawberries in Paris
Raspberries in June
The wine and the roses
The wonderful moon
A cool summer breeze distracts me
A scent in the air
A sip of the wine
But it’s still there
A sense of nostalgia haunts me
Of sad love affairs

We’re intoxicated
We’re falling apart
You’re wasting your sweet breath
All over my heart
Whenever the spirit takes you
It’s taking you high
The crest of the words
The look in your eyes
We’re drowning in melodrama
In blindness and light

Kopfkino 3

Eine Stille wie bei einem Begräbnis in einer Kathedrale senkte sich. Kurz danach entschuldigte er sich, und natürlich verzieh ich ihm. Wohl mehr aus Freundlichkeit als aus eigentlicher Fürsorge. Sein Gesicht war eine Kruste der Enttäuschung. Später folgte eine Reihe eintöniger Anklagen, eine jede ruckweise und bitter empor gespritzt. Dann war er wieder still. Wie ein Mann, der nur noch auf den Tod wartete.

Verschwendung

Verschwendung ist der Name des Spiels
Eine Tugend
Eine Ehrensache

Meine Seele ist ein Hotel
Meine Liebe eine Einrichtung
Meine Liebe
Meine Liebe

Ich bin ein Matador
Ein Toreador
Ein mutiger Kujon
Ein alter Hund
Eine Wiederkunft aus meiner Kindheit
Ein Schauspieler in einer unfreiwillingen Erinnerung

Keiner stellt die Frage
Keiner weckt mich zu Leben
Keiner stellt die Frage
Keiner weckt mich zu Leben
Zu Leben
Zu Leben

Kopfkino 4

Der Herdentyrannei bestialische Bühne. Kulissen und Varietees. Wie ein nie nachlassendes Echo der Barbarei meiner eigenen Seele wurde ich vorwärts getrieben in der Welt, dieser sonderbar konstruierten Realität, ohne Mitgefühl oder Besinnung. Sie erkannte meine Wurzellosigkeit wieder, ihr erster Satz wurde mit klinischer Präzision heruntergeleiert. Auf Satz zwei folgte dann ein seltsam erstarrter, theatralischer scheeler Blick. Sie war nicht einleuchtend hübsch, aber auch nicht hässlich. Das Haar fiel ihr in übertrieben parfümierten Wellen ins Gesicht, während sie sprach. Sie sprach von Geld.

Später befanden wir uns allein in einem geschlossenen Raum. Ganz eindeutig war die Bar ihr wahres Element gewesen, außerhalb dieses Rahmens verblasste ihr Charme leider ziemlich.

The Stranger in Your Voice

I always wait
For the light
For the day
When love has gone
All of the time
All of the lies
Turn inside of me

The stranger in your voice
Comes and goes
Never shows
I’m on my own
Feeling amused
Feeling accused
I’m a thousand miles away

Every tragic love affair will end itself
Always founded on a tragic lack of taste
No sweet applause
Not even a word
From the stranger in my heart

Lining up for the Fall

Lining up for the fall
Volunteers, none at all
Don’t believe what they say
They want you to take their place

Honey, say no
Turn around, go
Baby, come back again and stay
If just for the day

Champagne and grapes
Pieces of 8
No matter what you do or say
You’re feeding the waste

Kopfkino 5

Nackt, eingeschüchtert und lächerlich anzusehen. Ihn auf die Weise zu sehen erfüllte mich mit einer ganz absurden Freude. Ich war zu einem Monster geworden, kämpfte jedoch nicht länger dagegen an. In meiner heroischen Schönfärberei der Lage ging ich hingegen so weit, mir selbst einzubilden, etwas Gutes zu tun.

Ich erzählte ihr nichts mehr über meine Arbeit. Sie verdiente es nicht, etwas über die Opfer zu wissen, die ich täglich für unser Dasein brachte.

A Heap of Broken Images

Don’t you feel like you’re running away when you’re gone?
Don’t you feel a bit lonely?
Don’t you feel you’ve been hiding away far too long?
Don’t you feel on your own?

Hey!
I thought that kind of feelings belonged in films like “Death in Venice”
Hey!
I thought that kind of peeping was better done in “Death in Venice”
Never read the book

You’re such a delicate sight
Crawling around the streets at night
Always in need of a line
Misery tends to blind my eyes

High on the Waves of Love

Everybody loves a little game
Hunting in the fields of lovers’ bait
Working men with appetite for life
Get the boys together
Hanging out in bars without their wives

When everybody’s high on the waves of love, boy
High on the waves of love
Everybody gets high on the waves of love and funny games
But it leaves me empty as a Chinese box

Saturday, the world is on its feet
Party girls all anxious for a treat
Looking for a stairway to the stars
They got one ambition
Something purple and it ain’t a heart

When everybody’s high on the waves of love …

When I met you, I went down in flames
Never thought I’d ever feel the same
Four weeks later things, they took a change
Shaken like a sailor
When I met you with another date

When everybody’s high on the waves of love …

Anyway, I met you brother soon
Pissed and swollen like a red balloon
Took him for a ride and made a pass
Such an easy target
Told him that his brother was an arse

When everybody’s high on the waves of love …

I became his girl and told him lies
Told him that you’d brutalized my life
He got mad and ended up in jail
Broke your nose and shoulder
He’s still living in a prison cell

When everybody’s high on the waves of love …

So at last I got myself a gun
Settled for a lifetime on the run
Parked outside the local titty bar
Jesus, how they shake them
When you left, I shot you from the car

Somewhere Nearer the End

Somewhere nearer the end
Hope to see you again
Brutal honesty pays
Hope to recall your face

Bohemian manners don’t impress me
And self righteous banners don’t distract me
Not at all

Still you told me these wonderful stories
And you sang me these wonderful tunes
See them running down mirrors inside me
See them reaching as high as the moon

You want the best of both worlds
You want the best of all worlds

Kopfkino 6

Metaphysische Diskussionen in einer Bierstube: nichts ist, nichts wird, nichts ist nicht. Wir fassen uns selbst als rationale Wesen auf, die Tatsachen akzeptieren und Argumente respektieren, in Wirklichkeit jedoch glauben wir nur an das, an das zu glauben wir gelernt haben. Unsere Spiritualität ist eine mechanische Konstruktion.

Niemand kann gegen Vermutungen aufbegehren, die nicht formuliert worden sind. Weder sie noch ich. Wir sind an unsere Vermutungen gebunden. Gebunden an das gegenseitige fehlende Verständnis von uns selbst. Mutige Feiglinge sind wir, Gespenster aus dem Spanischen Bürgerkrieg, Fetzen von Erinnerungen an etwas, das einst geschah.

Wir sind das Geschehene. Wir sind Schwund.


VIDEO

Musicians

Andrea Pellegrini: vocals
Anette Slaatto: viola
Carsten Kronow: tuba, saw
Dennis Jørgensen: timpani
Gry Vester-Andersen: cello
Hans Nybo: bassoon
Herbert Zeichner: narrator
Ida Bach Jensen: string bass
James Crabb: accordion
Jonathan Ofir: violin
Karoliina Koivisto: violin
Martin Hall: instruments
Mimi Kjær: piano
Ole Hansen: flugelhorn

Recorded at The Music Room and The Royal Danish Music Conservatory during 2003 and 2004.

Info

Featuring the star from Martin Hall’s 2002 composition Camille, the mezzo-soprano Andrea Pellegrini, Martin Hall launched Das Mechanische Klavier in the summer of 2004 – a work based on the theme “assumptions”. The music was recorded with an ensemble of 14 musicians in the concert hall of The Royal Danish Music Conservatory with additional post-production made in The Music Room.

With German scholar Herbert Zeichner as the narrator (the voice on the recitation pieces “Kopfkino 1–6”), Das Mechanische Klavier is a tale of the lost – a literary journey into the halls of recollection of an ageing man with a dubious past. Through a series of memory fragments and reflections on the cultural delirium of 20th century, the record is an unfolding story of personal decline.

Das Mechanische Klavier represents the first collaboration between Martin Hall and Herbert Zeichner. Later they worked together on Hall’s critically acclaimed 2009 album Hospital Cafeterias. Zeichner also featured in Hall’s stage play Kinoplex (2010) as well as on the Martin Hall/Tone album Performing Apart released in 2012. Herbert Zeichner died in December 2011 at the age of 70.

KOPFKINO 1

Es fällt mir schwer, meine Entrüstung zu erklären. Meine Entrüstung zu rechtfertigen. Wie sollte ich mich in einer Zeit wie dieser überhaupt irgendwie verständlich machen können? Einer Zeit, in der der Name des Spiels Verschwendung heißt – eine Tugend, eine Ehrensache. Wie Tropfen eines Puzzlespiels aus Wasser fallen die Wörter, verschwinden in Hotels, die von unerfüllten Träumen bewohnt werden.

Wiederum steht sie mit ihrer von Niederlagen gequälten Seele vor mir, verhüllt in einer Zartheit, die sich wie Tau langsam um uns legt. Wir sind direkte Zeugen der ungeschickten Vorkehrungen der Liebe, einer Reihe lebendiger Erinnerungen, die sich hart wie Knochen anfühlen. Wir kennen keine Versöhnung. Nur die Routine verleiht Sicherheit; draußen lauert der Dschungel.

KOPFKINO 2

Eine Langeweile, die wie Krebs in der Brust nagt. Ein Gewohnheitsdenken, bei dem jeder einzelne Gedanke seine eigene Serienummer besitzt. Was soll man mit sich selbst anfangen, wenn sich das Dasein auf einen Satz sich wiederholender Muster begrenzt? Das Leben stellt einen Prozess dar, bei dem mit der Zeit alles immer gleichartiger und trotzdem immer schwieriger wird … wie ein Stück unverständlicher Poesie, dem der Leser tagtäglich den Rücken kehrt.

Ich suche immer noch nach ihr. Sie ist die ganze Zeit bei mir, und trotzdem suche ich immer noch nach ihr. Jeden Tag kontrolliert sie ganz genau im Spiegel, ob sie neue Falten bekommen habe … genau so, wie sie es damals tat. Meistens tut sie es mit einer beinahe selbst verleugnenden Attitüde, als wollte sie im Grunde nur als ein ironischer Kommentar ihrer selbst erscheinen. Ich kann mir unmöglich vorstellen, was sie sieht. Die Tatsache des Lebens? Des Lebens Betrug? Ein sexuelles Ornament? Gottes Antlitz, das sich in seiner eigenen Fiktion spiegelt?

KOPFKINO 3

Eine Stille wie bei einem Begräbnis in einer Kathedrale senkte sich. Kurz danach entschuldigte er sich, und natürlich verzieh ich ihm. Wohl mehr aus Freundlichkeit als aus eigentlicher Fürsorge. Sein Gesicht war eine Kruste der Enttäuschung. Später folgte eine Reihe eintöniger Anklagen, eine jede ruckweise und bitter empor gespritzt. Dann war er wieder still. Wie ein Mann, der nur noch auf den Tod wartete.

KOPFKINO 4

Der Herdentyrannei bestialische Bühne. Kulissen und Varietees. Wie ein nie nachlassendes Echo der Barbarei meiner eigenen Seele wurde ich vorwärts getrieben in der Welt, dieser sonderbar konstruierten Realität, ohne Mitgefühl oder Besinnung. Sie erkannte meine Wurzellosigkeit wieder, ihr erster Satz wurde mit klinischer Präzision heruntergeleiert. Auf Satz zwei folgte dann ein seltsam erstarrter, theatralischer scheeler Blick. Sie war nicht einleuchtend hübsch, aber auch nicht hässlich. Das Haar fiel ihr in übertrieben parfümierten Wellen ins Gesicht, während sie sprach. Sie sprach von Geld.

Später befanden wir uns allein in einem geschlossenen Raum. Ganz eindeutig war die Bar ihr wahres Element gewesen, außerhalb dieses Rahmens verblasste ihr Charme leider ziemlich.

KOPFKINO 5

Nackt, eingeschüchtert und lächerlich anzusehen. Ihn auf die Weise zu sehen erfüllte mich mit einer ganz absurden Freude. Ich war zu einem Monster geworden, kämpfte jedoch nicht länger dagegen an. In meiner heroischen Schönfärberei der Lage ging ich hingegen so weit, mir selbst einzubilden, etwas Gutes zu tun.

Ich erzählte ihr nichts mehr über meine Arbeit. Sie verdiente es nicht, etwas über die Opfer zu wissen, die ich täglich für unser Dasein brachte.

KOPFKINO 6

Metaphysische Diskussionen in einer Bierstube: nichts ist, nichts wird, nichts ist nicht. Wir fassen uns selbst als rationale Wesen auf, die Tatsachen akzeptieren und Argumente respektieren, in Wirklichkeit jedoch glauben wir nur an das, an das zu glauben wir gelernt haben. Unsere Spiritualität ist eine mechanische Konstruktion.

Niemand kann gegen Vermutungen aufbegehren, die nicht formuliert worden sind. Weder sie noch ich. Wir sind an unsere Vermutungen gebunden. Gebunden an das gegenseitige fehlende Verständnis von uns selbst. Mutige Feiglinge sind wir, Gespenster aus dem Spanischen Bürgerkrieg, Fetzen von Erinnerungen an etwas, das einst geschah.

Wir sind das Geschehene. Wir sind Schwund.